Mistel – die Geheimwaffe, die zufällig entstand
In den 1980er-Jahren hatte ich Kontakt zum ehemaligen Chefpiloten der Junkerswerke, Siegfried Holzbaur. Neben
den Gesprächen über den Strahlbomber Ju 287, dessen Versuchsmuster er flog, kam der Testpilot gerne auf die
Mistel-Gespanne zu sprechen. Bei seinen Versuchsflügen mit der Ju 88 hatte er festgestellt, dass die automatische
Kurssteuerung (heute: Autopilot) das Flugzeug so genau auf Kurs hielt, dass er einen Kirchturm am Horizont
anpeilen konnte und dann ohne eigenes Eingreifen den Turm genau überflog. Da kam ihm der Gedanke, alte
abgeflogene Ju 88 mit Sprengstoff zu beladen und durch die Kurssteuerung in ein wichtiges Punktziel, wie etwa ein
Kraftwerk oder ein Kriegsschiff fliegen zu lassen.
Anfangs dachte Holzbaur daran, dass sich der Flugzeugführer nach Einstellen der Steuerung durch Absprung
retten sollte. Der Absprung würde aber wahrscheinlich über Feindgebiet erfolgen. Es hatte – dies nicht nur in
Deutschland – Versuche mit Flugzeuggespannen gegeben. Dabei hatte ein großes Flugzeug ein kleineres getragen,
welches dann später abkoppelte und allein weiterflog. Damit sollte die Reichweite des kleineren Flugzeugs
verlängert werden. In Deutschland wurde dieses Verfahren auch zum Start von Lastenseglern untersucht. Nach
Holzbaur sollte nun der Flugzeugführer in einem kleineren Jagdflugzeug sitzen und nach Einstellung des Zielkurses
des Sprengstoffträgers abkoppeln und heimfliegen.
Ein Versuchsträger wurde bei Junkers gebaut, Holzbaur sollte die Durchführbarkeit seiner Idee in der Praxis
beweisen. Als Ziel wurde die der Insel Usedom gegenüberliegende dänische Insel Mön gewählt. Deren große weiße
Kreidefelsenwand war weit zu sehen. Dort wurde ein schwarzes Kreuz als Zielpunkt aufgebracht. Ich erinnere mich
dunkel, dass dazu zwei schwarze Stoffbahnen benutzt wurden.
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Der AVIATIK-Blog
Zwei Aufnahmen einer Schulmistel nach der Eroberung durch amerikanische Truppen
in Merseburg. Die beiden Vergrößerungen des Fotos oben links zeigen die
Markierungen am Leitwerk der Ju 88: “714237”, die Werknummer der Junkers und
“590152” ist vermutlich die WNr. der Fw 190.
Die Focke Wulf trägt die Nummer “87” am Seitenruder, wahrscheinlich die Nummer des
Flugzeugsgespanns.
Holzbaur startete in Peenemünde und stellte die Kurssteuerung ein, sobald er die Insel mit dem Kreuz sah. Er saß in
einer Messerschmitt Bf 109, die er dann abkoppelte. Er schilderte, dass die Ju 88 “wie auf Schienen” auf Mön zuflog
und genau in das schwarze Kreuz einschlug. Bei der späteren Besichtigung war zu sehen, so schilderte er es mir,
dass die Hohlladung der Junkers eine tiefe Höhle in den weichen Felsen von Mön gebohrt hatte.
Das ließ mir keine Ruhe, der nächste Sommerurlaub ging nach Dänemark mit einem Ausflug nach Mön. Die Höhle
war noch zu sehen und am Fuß der Felswand lagen kleinere Metalltrümmer. Einen verrosteten Kolben habe ich noch
gefunden. Leider hat mein neuer Fotoapparat versagt, das Ding hat im Urlaub kein einziges Foto hinbekommen.
Diese Reihe wird noch erweitert
Henschel Hs 123 in China
1937 war eine Delegation aus China auf Einkaufstour in Deutschland. Seit dem Sommer des Jahres gab es wieder
Krieg zwischen China und Japan. Japan hatte zum zweiten Mal seit 1932 China angegriffen. Zwar war Japan mit
Deutschland verbündet, dies hinderte aber die deutsche Führung nicht, Militärgüter an China zu verkaufen. Bei
Henschel standen noch zwölf Erdkampfflugzeuge Hs 123, die eigentlich für Portugal bestimmt waren, aber vom
Kunden nicht abgenommen wurden. Diese Flugzeug wurden im November 1937 von China gekauft.
Über Venedig wurden die zerlegten Flugzeug mit Technikern und Piloten von Henschel nach China verschifft. Dort
montierten die Deutschen die Flugzeuge und schulten dabei chinesische Techniker. Nach einem Abnahmeflug durch
einen deutschen Piloten wurden dann chinesische Piloten eingewiesen. Neun Hs 123 wurden einem Einsatzverband
zugewiesen, der 15. Staffel, drei Flugzeuge blieben in Reserve. Die Henschel erhielten die Registrierungen 1501 bis
1512. Die Einsatzmaschinen griffen 1938 erfolgreich japanische Schiffe auf dem Jangtsekiang an. Die Henschel
beendete ihre Karriere in China ab 1939 als Schulmaschinen.
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